Projekt: Sanierung und Umnutzung einer Grossviehhalle
Projekttyp: Pilotprojekt zur Vermeidung Grauer Energie
Bauherr: Privat
Nutzfläche: 544m²
Architekt: Collinprojekt
Das bauliche Erbe des ländlichen Raums steht zunehmend im Fokus ökologischer Betrachtungen. Das vorliegende Objekt – eine über Jahrzehnte intensiv genutzte Grossviehhalle – präsentierte sich zu Beginn der Planungsphase in einem substanziell kritischen Zustand. Die Halle war über Generationen hinweg rein pragmatisch für die Aufzucht von Jungvieh, die allgemeine Viehhaltung sowie die Integration der dafür notwendigen Technikräume adaptiert worden.
Diese stetigen Transformationen erfolgten ausnahmslos mit einfachsten, teils minderwertigen Mitteln und ohne konstruktiven Gesamtplan. Die Folge waren gravierende statische Mängel, fortgeschrittene Feuchtigkeitsschäden durch die jahrzehntelange Ammoniakbelastung sowie eine vollständig desolate Gebäudehülle. In der gängigen Praxis und nach konventionellen Wirtschaftlichkeitsberechnungen galt das Gebäude als unrettbar baufällig bis akut abbruchreif. Ein Totalabriss mit anschließendem Neubau schien der einzig wirtschaftliche Weg zu sein.
Zentrale Projektphilosophie: Der konsequenteste Klimaschutz im Bauwesen liegt im Erhalt des Bestands. Jedes bestehende Fundament, jede bestehende Mauer repräsentiert gebundene, „graue“ Energie, deren Vernichtung und Ersatz die CO₂-Bilanz über Jahrzehnte negativ belastet.
Entgegen der gängigen Abrissmentalität wurde die Halle als wegweisendes Pilotprojekt deklariert. Das primäre ökologische Ziel bestand darin, die im Gebäude gebundene Graue Energie zu schützen und den Ausstoß von Treibhausgasen durch die Herstellung neuer Rohstoffe (insbesondere Zement und Ziegel) sowie durch Abtransport und Deponierung zu minimieren.
Mit einem Höchstmaß an Liebe, Hingabe und handwerklicher Sorgfalt wurde kein brachialer Abbruch, sondern ein selektiver, substanzschonender Rückbau vollzogen. Schicht für Schicht wurden die minderwertigen Einbauten der vergangenen Jahrzehnte herausgelöst. Die historische, tragende Grundsubstanz der Halle wurde dabei präzise freigelegt, statisch gesichert und für die anschließende Revitalisierung vorbereitet. Dieser behutsame Umgang forderte von den Planern und Handwerkern vor Ort ein hohes Maß an Flexibilität und tiefes baukulturelles Verständnis.
Nach der erfolgreichen Bereinigung des Bestands folgte eine Kernsanierung, bei der kompromisslos auf Hochwertigkeit, Langlebigkeit und baubiologische Qualität gesetzt wurde:
Wandaufbau und Kalkputz: Die alten Mauerwerkswände wurden im Innen- und Außenbereich gründlich von Schadstoffen gereinigt und mit einem hochwertigen, diffusionsoffenen Kalkputz saniert. Kalkputze bieten durch ihre hohe Alkalität einen natürlichen Schutz vor Schimmelbildung, regulieren exzellent die Raumfeuchtigkeit und garantieren ein gesundes, schadstofffreies Raumklima. Zudem harmonieren sie ästhetisch und physikalisch hervorragend mit der historischen Substanz.
Bodenkonstruktion und thermische Aktivierung: Der unebene und durchfeuchtete Bestandsboden wurde komplett ausgetauscht. Als neues Fundament dient ein extrem hochverdichteter Stahlbetonboden, dessen Oberfläche flügelgeglättet wurde. Diese Ausführung ist mechanisch hochbelastbar, langlebig und pflegeleicht. In diesen Betonboden wurde eine großflächige Fußbodenheizung integriert, wodurch das Bauteil als thermische Speichermasse (Bauteilaktivierung) genutzt wird.
Dachkonstruktion und Dämmung: Das desolate Hallendach wurde durch eine hochwärmegedämmte Dachkonstruktion ersetzt. Der exzellente U-Wert des neuen Daches minimiert die Transmissionswärmeverluste auf ein Minimum und bildet die energetische Basis für das Niedertemperatur-Heizkonzept.
Das Energiekonzept der sanierten Halle ist als zukunftsweisendes, autarkieorientiertes System konzipiert und setzt zu 100 % auf erneuerbare Energien.
Die Beheizung des Gebäudes erfolgt über eine moderne, nachhaltige Pelletheizanlage. Holzpellets als regional verfügbarer, CO₂-neutraler Brennstoff ermöglichen dem Bauherrn dauerhaft günstige Einkaufspreise und Unabhängigkeit von fossilen Energieträgern. Durch den Einbau der großflächigen Fußbodenheizung kann das Gesamtsystem mit extrem niedrigen Vorlauftemperaturen betrieben werden. Dies steigert den Wirkungsgrad der Heizanlage signifikant und sorgt für eine hocheffiziente Energienutzung.
Die gesamte Dachfläche wurde zudem optimal ausgenutzt und mit einer leistungsstarken Photovoltaikanlage mit einer Spitzenleistung von knapp 100 kWp ausgestattet. Diese Dimensionierung erlaubt es, nicht nur den Eigenbedarf der Halle und der angeschlossenen Technik vollständig zu decken, sondern erhebliche Mengen grünen Stroms in das öffentliche Netz einzuspeisen. Das Gebäude wandelt sich damit vom einstigen Energieverbraucher zum aktiven Plusenergie-Erzeuger.
| Parameter | Projektdaten & Energetische Kennwerte |
| Gebäudetyp | Ehemalige Grossviehhalle (Jungvieh, Technik, Haltung) |
| Nachhaltigkeitsansatz | Pilotprojekt zur Erhaltung Grauer Energie durch behutsamen Rückbau |
| Wandbeschichtung | Hochwertiger, rein mineralischer Kalkputz (diffusionsoffen) |
| Bodenkonstruktion | Flügelgeglätteter, hochverdichteter Stahlbetonboden mit Fußbodenheizung |
| Wärmeerzeugung | Nachhaltige Pelletheizung (Niedertemperatur-Vorlauf dank Flächenheizung) |
| Photovoltaikanlage | Knapp 100 kWp installierte Leistung zur Eigenstrom- und Netzeinspeisung |
| Energetischer Status | Plusenergie-Standard im Betrieb |
Die Sanierung der vermeintlich abbruchreifen Grossviehhalle demonstriert eindrucksvoll, dass der Erhalt von scheinbar wertloser Altsubstanz sowohl ökologisch als auch ökonomisch wegweisend sein kann. Durch den bewussten Verzicht auf einen Totalabriss wurde ein bedeutender Beitrag zur Einsparung Grauer Energie geleistet.
Gleichzeitig entstand durch den Einsatz hochwertiger, langlebiger Materialien und modernster Umwelttechnik ein hochmodernes, architektonisch anspruchsvolles Gebäude, das im Unterhalt extrem wirtschaftlich und im Betrieb vollständig CO₂-neutral ist. Dieses Pilotprojekt besitzt klaren Vorbildcharakter für zukünftige Transformationen im ländlichen Kontext.
Verfasser: Dipl. Ing. Freier Architekt Stefan Collin / Projektleitung Architekturbüro CollinProjekt